"Die eine wahre Sache gibt es nicht." Ernie H.

"Wenn die Seele bereit ist, sind es die Dinge auch.“ Billy S.

25 März 2010

Willi Baer: Was für ein Leben!

Wer liest eigentlich noch Cinema? In meiner Jugend das Zentralorgan aller blauäugigen Filmfans. Besonders in Erinnerung: „Sex im Kino“. 1984. Einer der Autoren: Willi Baer.

Daß mir der gleiche Willi weniger als zehn Jahre später in Hollywood (!) die Schlüssel seines geilen roten Sportwagens in die Hand drücken würde, konnte ich ein Jahr vor dem Abitur in Göttingen noch nicht ahnen. Aber doch: „Behalt ihn ruhig über’s Wochenende, gib die Schlüssel Montag Jeff“. Also fuhr ich vom Beverly Center bis Downtown und dann abwechselnd westwärts und ostwärts, Melrose, Sunset, bis zum PCH (Gladstone’s!), bis nach Malibu, runter bis nach Laguna, zurück bis zum Griffith Observatory – inklusive Date mit kurzem Rock und langen Beinen, das von den roten Pferdestärken angemessen beeindruckt war... Herrlich! Hollywood! Angekommen!
(FYI: Ich war da Mitte Zwanzig.)

Willi hing mit Al Pacino und Kim Basinger ab. Mußte schnell zu Dreharbeiten nach Arizona oder so fliegen, hatte derweil keine Zeit aus dem Luxushotel auszuchecken oder den Flitzer bei der Autovermietung abzugeben. Jeff hätte mir wohl gern den horrenden Etatschaden abgeknöpft, so ungläubig geschockt war er, als ich mit dem Autoschlüssel vor ihm stand („Why?!“) – was wohl mein damaliges Monatssalär gewesen wäre, als Hollywood-Zaungast im dauerhaft kunstbeleuchteten, drei Quadratmeter messenden Open Office Cubicle unmittelbar vor dem Kegelbahn-großen Panoramabüro von Willis Statthalter vor Ort.

Und nun das, vor ein paar Tagen: „Junge Welt“, Feuilleton: „Die Ungerechtigkeit attackieren – Linke Geschichte muß erfahrbar sein: Morgen wird in Leipzig „Schrei im Dezember“ aus der neuen „Bibliothek des Widerstands“ vorgestellt“. Laika Verlag. Geschäftsführer, haltet euch fest: Willi Baer! Zur Erläuterung, auf der Laika-Website: "...aus den Klassenkämpfen der Vergangenheit Erkenntnisse für den radikalen Kampf von heute gewinnen, damit wir die bestehenden Verhältnisse überwinden und Menschen nicht mehr von Menschen ausgebeutet und beherrscht werden". Wow!

Flashback: 1993. „Der Spiegel“: „Hier ist was von Wildwest - SPIEGEL-Redakteurin Ariane Barth über die Deutschen in Hollywood (Teil III: Produzenten)“. Mittendrin Willi Baer: „"In den nächsten 20 Monaten produzieren wir in den USA 20 Filme mit einem Volumen von 400 Millionen Dollar." (Ich währenddessen in meinem Cubicle – also auch ‚mittendrin‘. Klar war ich beeindruckt. In Jeans, Yankees T-Shirt und extrem cooler James Dean Retro Replay Jacke von Tom Berenger – also ich meine von ihm getragen, ja! – sein Kostüm in Wolfgang Petersens „Shattered – Tod im Spiegel“. Very cool.

Nach Basinger als Bankräuberin in "Karen McCoy – die Katze" folgten kommerziell absteigend Brian de Palmas "Carlito's Way" mit Pacino und inhaltlich absteigend "Doctor Death" und "Icecream Man", mit Ralf Möller. Die Partner Geissler, Deyhle und Scriba gingen abhanden (und verbrannten später noch viel mehr Geld, aber das ist eine andere Geschichte).

Im Neuer-Markt-Boom des Jahrtausendwechsels und dem Filmfonds-Hype der frühen Nullerjahre tauchten noch einige eher unbekannte Filme auf, die den Namen Willi Baer aufweisen, dann wurde es ruhiger um Rotbart.

Nun ist er also wieder da. Am Hamburger Schulterblatt. „Ich bin wieder hier, in meinem Revier“? Full Circle? Willi war in den Siebzigern in der DKP und Redakteur der antifaschistischen Wochenzeitung „Die Tat“. Bevor er zu Cinema ging. (Dirk Manthey. Auch so eine Geschichte.) Was für ein Leben. I‘m impressed. Immer noch. Es ist wohl schwer, Willi Baer nicht zu mögen. Obwohl es dazu wohl auch Anlaß gegeben hat auf seinem bemerkenswerten Weg.

(FYI: Ich bin auch nicht mehr in Los Angeles. Ich war seit September 2001 überhaupt nicht mehr in den USA. Aber ich will mal wieder hin. Mit meiner Frau. Allerdings lieber nach Boston. Da fliegt man nicht so lang.)

Kommentare:

  1. Keine Ahnung, gibt es die Cinema noch? Was soll da drin sein, Hollywoodquatsch am Stück und Trickfilmchen.
    Es ist nicht leicht in der Masse Kundschaft für andere Filme zu finden und wer sein heft verkaufen muß.
    Mein Filmhit des Jahres war "North" aka "Nord"

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  2. das ist ja leider das generelle problem mit film, wie mit vielen anderen sachen (kunst, politik, menschenrechte, etc.) -- wenn's viele verstehen & gut finden (sollen), leiden leider oft qualität & inhalt: die verpackung & vermarktung, das 'an die leute bringen', schiebt sich über die sache selbst, masse & konsens schleifen die ecken & kanten, nivellieren, es soll/muss alles vielen verständlich sein, darf nicht 'schwierig' sein...

    das grosse missverständnis dabei speziell bei film - in der politik, presse, und damit in der allgemeinen öffentlichen wahrnehmung - ist zunehmend (im unterschied zu z.b. theater, oper, 'e'-musik), dass film v.a. über 'erfolg' definiert wird, d.h. quasi schon per definition weithin sichtbar sein muss, 'erfolg' von film also fast nur noch in zahlen und auftritten gemessen wird...

    so ist 'film' viel mehr ein label für eine bestimmte wahrnehmung geworden ('hollywood!') als erst mal einfach ausdruck einer form, eines mediums, einer produktions-/kommunikations-art, wie etwa 'buch', 'zeitung', 'foto', 'song' oder 'bühne', wo in der öffentlichen definition & bewertung längst nicht so viel populistisch simplifizierend über einen kamm geschert wird - im guten wie im schlechten, high oder low, U oder E, von gier & ego bis erkennntis & erkenntnisinteresse.

    interessanterweise gibt es im englischen die unterscheidung zwischen 'film' & 'movie'...

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  3. @Dirk
    Your best blog sofar: to the point, informative and not too many sidelines. Never heard of Willi Baer before but you made me curious. Did you copy your beard (Willi = Rotbard) from him?

    The sign of our time is: more and more diffusion. Authorities (books, papers, magazines and persons) are rapidly loosing (or already lost?) their authority. It seems that everybody "knows" already everything from their online friends. In a way it seems we lost track of authority in a cloud of blogs, tweets, buzzies etc. Everyman's opinion seems just as important as the good old authority (= Meister). In a way the songlines between Geselle & Meister seems to be broken.

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  4. jean, i actually find the sidelines quite important. they are conceptual. with what you describe as 'diffusion', the bigger picture gets more and more lost in topical, fragmented, minor discussions.
    in the 'cloud', 'knowing' things becomes an illusion, as 'knowing' does not equal understanding.
    there is always a bigger context, things are linked, that is why the sidelines are important.

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