"Die eine wahre Sache gibt es nicht." Ernie H.

"Wenn die Seele bereit ist, sind es die Dinge auch.“ Billy S.

26 September 2010

WAS ICH VON MEINER FRAU, MEINEM HUND, MEINER SCHWESTER, MEINEM NEFFEN, MEINEM SCHWAGER UND EIN PAAR ANDEREN LEUTEN GELERNT HABE... (UND WAS NICHT)

Episode 1 - Grenzen

Meine großartige, wunderbare Ehefrau ist in Nordostwestfalen geboren und aufgewachsen. Aber manchmal beschleicht mich der Verdacht, sie ist in Wahrheit Asiatin. Worauf äußerlich nicht das Geringste hinweist. Und ihre Mutter, eine katholischen Bauersfrau in x-ter Generation, ist der letzte Mensch auf Erden, bei dem man sich eine verborgene Liebschaft mit einem Asiaten vorstellen könnte. (Obwohl... „Brief Encounter“...? Am Düsseldorfer Bahnhof...? Nein, unvorstellbar.) Aber dennoch: Celia* ist quasi immer freundlich zu allen und sagt so gut wie nie nein zu etwas.

Ich bin eigentlich auch immer freundlich zu allen Menschen. Ich bin Löwe, das gebietet mir also allein die Ehre, der Stolz, der gute Stil. Vor rund 25 Jahren schrieb mir ein Amerikaner in mein Adreßbuch: „In the art of making friends, you can write the book“. Aber wenn ich merke, daß meine Freundlichkeit und mein Respekt nicht erwidert werden, gar mißbraucht werden, ist es auch schnell mal vorbei mit Mr. Nice. Im Beruflichen halte ich es nach zahlreichen einschlägigen Erfahrungen mit Stanley Kubrick, der sagte: „I don’t trust anyone who isn’t willing to put it in writing“. Und tatsächlich zeigt sich meist schnell, daß Freundlichkeit, die Simulation von Freundschaft, mit Verve vorgetragene Beschwörungen von Respekt, Vertrauen etc. oft leider gerade das Gegenteil bedeuten: Je mehr sich der Vortragende auf hehre Ideale beruft, desto weniger ist er oder sie imstande, diese auch tatsächlich zu praktizieren. Da wird übermäßig zur Schau gestellte Freundlichkeit vielmehr zum Indiz für Durchtriebenheit, zur Aufforderung zur Vorsichtigkeit, das sprichwörtliche Fingerzählen nach dem Händedruck.

Nun, um im Bild zu bleiben, zu meinem immer wieder maßlosen Erstaunen lächelt meine Frau oft ihr Gegenüber auch dann noch an, wenn sie bereits einen Finger weniger hat. Der Eroberer des kleinen Fingers lächelt freudig zurück und macht sich schnellstens an den Rest der Hand, den Arm, den Rumpf. Und Celia* bleibt freundlich...

Während das Phänomen im beruflichen Kontext allgemein anerkannt ist, in Erweiterung von „In der Liebe und im Krieg ist alles erlaubt“ wird fürs Geschäft angenommen, daß jede/r sich eben selbst der oder die Nächste ist (oder, bezogen auf den jeweiligen Brötchengeber, zumal wenn dieser vermeintlich Bedeutung und Macht verleiht, daß das jeweilige Ziel eben moralische Bedenken nicht erlaubt), ist es im Privaten verzwickter: Wer unterstellt schon gern dem Freund , der Freundin, Cousin oder Cousine, Mutter oder Vater, Schwester oder Bruder unlautere Beweggründe für lächelnd kaschierte Vorteilnahme. Aber als jemand, der sensibel für die feinen Modulationen von Reaktionen, Motivationen und anderen menschlichen Austausch ist, fällt mir doch nicht selten auf, daß nicht nur im Business, sondern auch im privaten zwischenmenschlichen Bereich nicht alles Gold ist, was glänzt.

Wer Celia* um einen Gefallen bittet, kann sich relativ sicher sein, daß das Gesuch gewährt wird. Die Frage, ob das Anliegen angemessen ist, stellt sie sich wenn überhaupt erst nach der Zusage. Als Ehemann bekommt man nun innerste Dialoge mit, die anderen Menschen verschlossen bleiben. Nicht nur, daß die spätere Frage nach der Machbarkeit eines Gefallens Schwierigkeiten aufwerfen kann (z.B. wenn es um Zeit oder Geld geht), auch weitergehende Überlegungen finden durchaus statt: Hat der oder die Fragende eigentlich auch schon einmal einen solchen Gefallen angeboten oder gar geleistet? Wird das jemals passieren? Gab es eine Alternative? Könnte sich die betreffende Person nicht eigentlich auch selbst helfen? Oder war und ist es einfach am einfachsten die Person zu fragen, bei der man weiß oder auch instinktiv spürt, daß diese eh quasi zu allem ja sagt?

Nicht selten wird aus einem Gefallen ein Gewohnheitsrecht: Es wird sich schnell daran gewöhnt, daß es da jemanden gibt, der bzw. die immer zur Stelle ist. Wohlwollen, Entgegenkommen, Flexibilität, Zeit, Geld werden nach einiger Zeit nicht mehr als Ausnahme, sondern als Regel wahrgenommen. Es fängt mit kleinen Dingen an: Z.Bsp., wo verabredet man sich? Beim zweiten oder dritten Mal, bei dem die Wahl auf einen Ort um die Ecke der anderen Person fällt (trotz eigener zeitintensiver Nahverkehr-Anfahrt, während die andere Person ein Auto vor der Tür stehen hat), auf ein teures Restaurant in Erwartung einer Einladung, die Zeit ohne Rückfrage festgelegt wird, die Rede dann nur von den Themen der anderen Person ist, leuchten die Warnsignale: Das ist keine Freundschaft, das ist eine einseitige Veranstaltung.

Celia* hat viel Zeit und Geld in solche privaten wie beruflichen Mißverständnisse investiert. Kam es jedoch zu der Situation, in der ihre Zeit oder ihr Geld, ihre Geduld, ihre Fähigkeit zur Einseitigkeit erschöpft waren, und vermeintliche Freunde sich dann ohne Verzug als die rücksichtlosen narzißtischen Egoisten entpuppten, die sie waren oder sind, waren Fassungslosigkeit und Schmerz bei meiner großherzigen Celia* groß.

Nun ist es andererseits bei mir so, daß ich im Gegenteil meinem Gegenüber relativ schnell signalisiere, wenn ich etwas out of line finde. Beruflich, indem ich Kubrick folge und um schriftliche Fixierung von Abmachungen bitte, privat indem ich anspreche, wenn ich etwas unverhältnismäßig finde. Da ist das Entsetzen oft groß: Unterstellung und Mißtrauen einerseits, Bequemlichkeit und Faulheit andererseits, die Liste der offenen und versteckten Vorwürfe ist lang. Ich will nur nicht ausgenutzt, betuppt, übervorteilt werden – also zumindest nicht ohne meine implizite oder explizite Zustimmung (die ja durchaus mal gegeben werden kann, wenn es nötig oder sinnvoll ist).

Also stellt sich die Frage, wer kommt eigentlich besser klar? Celia*, die durch ihr ‚asiatisches‘ Procedere zunächst weniger Umständlichkeiten hat, hinten heraus aber so einiges zu schlucken hat, oder ich, dessen Gegenwehr schon mal frühzeitig Dinge erschweren kann, dafür habe ich aber seltener das Gefühl, mich um Sachen oder Leute bemüht zu haben, die eh nie vorhatten, fair damit umzugehen.

Behavioristen würden sagen, das meiste ist eh ein Deal, auch Freundlichkeit, Freundschaft, Zuvorkommen, Gefallen sind Austauschgeschäfte, wir handeln ständig miteinander. Ich meine, unser überzüchtetes Homo-sapiens-Gehirn ist groß genug, die Unterschiede wahrzunehmen, zu differenzieren, und nicht wahllos Leute zu belästigen, zu fordern, zu nehmen, ohne auch geben zu wollen (oder zu können) oder zumindest den Anstand zu besitzen, es nicht zu übertreiben.

Celia* ist beliebter als ich, ein allseits gefragter Sonnenschein. Aber sie leidet unter den Konsequenzen, in denen sie sich nicht selten zerreißt und nicht genug auf ihre eigenen Bedürfnisse achtet. Ich bin konsequenter. Und leide unter den Enttäuschungen.

Was man von einer Wassermann-Geborenen wie Celia* lernen kann, und das gilt auch für die männliche Variante dieses überdurchschnittlich angenehmen, verträglichen Zeichens, ist enorm viel Offenheit, Entgegenkommen, Toleranz, idealistisches Denken, unerschöpflicher Glaube an das Gute im Menschen. Aber eben auch die zahlreicheren Fehlschläge, Sackgassen, Verletzungen aufgrund dieser Strategie. So einer wie ich, ein ‚harter Bursche‘, mit zuviel Stolz, zuviel Bestehen auf Stil, Anstand, Gerechtigkeit, vermeidet so manche bewußte oder unbewußte, intendierte oder gedankenlose Verarschung, stößt aber dabei eben manchmal auch auf verschärfte Abwehr, Ablehnung, Verweigerung.

Also: Seid freundlich und mehret Euch. Man kann viel erreichen und weit kommen mit einem Lächeln, mit Geduld, mit Hilfsbereitschaft. Aber man kann auch ausgenutzt werden. Man sollte die Reißlinie ziehen, wenn sich hinter dem Lächeln ein ungutes Gefühl meldet. Meist hat das Gefühl recht, dann heißt es wachsam sein... Glaube ich.

*Name geändert

Kommentare:

  1. Interessante Ausührung. Wenn das Verhalten ihrer Frau als "asiatisch" einzuschätzen wäre, was wäre dann eine entsprechende Zuordnung ihres Verhaltens?

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  2. interessante frage. was würden sie denn sagen?

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